Die Bibel in der Weltliteratur

Illustrierte Seite einer lateinischen Bibel von 1407

Am Anfang der Beziehung zwischen Bibel und Literatur steht zunächst eine große Scheu. Die biblischen Erzählungen, ihre Protagonisten und schließlich das in ihr geschilderte Wirken Gottes galten als unantastbar. Der künstlerische Umgang mit biblischen Themen und Personen war höchst gefährlich, insbesondere dann, wenn dabei die künstlerische Freiheit in Anspruch genommen wurde. Die biblische Geschichte galt vorrangig als Heilsgeschichte, das heißt als ein Geschehen, das von Gott selbst so und nicht anders gewollt war und dessen Verlauf und Inhalt genau in dieser einen bestimmten Form über das Seelenheil der Menschen entschied.

Franz Marc, Schöpfungsgeschichte

Die drei klassischen Künste, die bildende Kunst, die Musik und die Literatur, sahen sich angesichts der biblischen Stoffe in unterschiedlicher Weise herausgefordert. Ein Maler oder ein Musiker konnte seine besondere künstlerische Kreativität durch die Art und Weise, wie er die biblischen Stoffe darstellte, unter Beweis stellen. Mit welcher Musik die biblischen Texte unterlegt wurden oder in welchen Farben und Motiven die biblischen Stoffe in Szene gesetzt wurden, berührte nur auf eine mittelbare Weise ihren theologischen Gehalt. Die Eleganz des Faltenwurfs einer Marienstatue berührte keine theologischen Fragen. Die Literatur hingegen musste auf die Sprachgestalt der heiligen Worte selbst zugreifen, um künstlerisch tätig zu werden. So dauerte es lange, ehe es auch Literaten wagten, biblische Stoffe aufzugreifen und in einer größeren Freiheit zu bearbeiten. Neben allerlei volkstümlichen Bearbeitungen, wie etwa in der Legende des Dr. Faustus, war es in Deutschland vor allem Heinrich Heine (1797-1856), der hier die Türen zum Umgang mit der Bibel als Literatur öffnete. Sehr bekannt ist etwa Heines Ballade zur Weissagung Daniels an den babylonischen König Belsazar, die mit den Worten beginnt:

Rembrandt, Das Gastmahl des Belsazar

Die Mitternacht zog näher schon, 
In stummer Ruh' lag Babylon. 
Nur oben in des Königs Schloss, 
Da flackerts, da lärmt des Königs Tross. 

Dort oben in dem Königssaal
Belsazar hielt sein Königsmahl.

Milton diktiert seinen Töchtern das Paradise Lost

Oftmals zogen nicht (gerade) die theologisch zentralen Themen die Aufmerksamkeit der Literaten auf sich. Vielmehr entzündete sich die künstlerische Phantasie vor allem an den Nebenthemen, Widersprüchen und an den legendarischen Details der biblischen Erzählung. 

Das kann man sehr schön an dem bedeutendsten literarischen Epos zeigen, das auf der Basis biblischer Stoffe geschaffen wurde: John Miltons (1608-1674) Paradise lost aus dem Jahr 1665. Milton erzählt von Gott und Satan, von den Engeln und Erzengeln einerseits und den Dämonen und Erzdämonen andererseits. In einem großen Kampf stehen sich Gott und Satan mit ihren Heeren gegenüber. Schon meint der Satan, die Herrschaft über den Himmel an sich reißen zu können. Gott war so still geworden, so unscheinbar, dass Satan hofft, er könne ihn endgültig besiegen. Aber für ihn völlig unerwartet und überraschend kommt die verborgene und doch unbezwingbare Kraft Gottes zur Wirkung. Gott erobert sich den Himmel zurück und schlägt die Heere des Satans. Sie stürzen vom Himmel herab. In vollendeter poetischer Schönheit vermag Milton dies in eine Sprache zu fassen, die auch den Unterlegenen ihre Würde belässt und die frei von Häme ist:

His legions, angel forms, who lay entranced.
Thick as autumnal leaves that strow the brooks.

Seine Legionen, engelsförmig, lagen betäubt da.
Dicht wie Herbstlaub, gestreut in die Bäche.

Titelblatt der Erstausgabe von John Miltons „Paradise Lost“ von 1668

Völlig entmutigt verharren die Widersacher Gottes, Satan, Beelzebub und ihre Heere in der Unterwelt. Erst als sie davon hören, dass Gott eine andere Welt, die Erde und die Menschen erschaffen will, raffen sie sich wieder auf, ihre Kraft, ihr Mut und ihre Verschlagenheit kehren zurück.

Die großen Erzähler der angelsächsischen Welt sind durch Milton geschult. Sie lernten von ihm, dass Größe und Würde auch in Niederlagen erhalten bleiben. Eine tiefe Humanität durchzieht diese Literatur, die auch von dem niederträchtigsten Menschen noch in einer Weise zu berichten vermag, die auch ihn als Menschen, als Gottes Ebenbild würdigt. Man machte Milton zu Lebzeiten den Vorwurf, dass in seinem Epos der Satan eigentlich die Hauptfigur sei. Tiefe des Gefühls, Dramatik der Handlung und innere Tragik hat Milton nicht mit Gott selbst in Beziehung gebracht, sie sind in Paradise lost fast ausschließlich mit der Figur des Bösen schlechthin verbunden. Die Leser fühlen mit Satan mit, erleben seine Niederlagen als die ihren, und den endgültigen Sieg Gottes als eher langweilige Selbstverständlichkeit. Milton setzte sich mit dieser Kritik auseinander. Er schrieb ein zweites Epos über die Wiedergewinnung des Paradieses, Paradise regained. Dieses theologisch tiefgründigere Werk war aber literarisch längst nicht so ansprechend. Es konnte nicht an den Erfolg seines ersten großen Epos über den Verlust des Paradieses anknüpfen. Die deutschsprachigen Literaturkenner werden jetzt sicher auch schon an Goethes Faust gedacht haben. Ist dort nicht auch Mephisto die eigentlich tragische Figur und Gott eher etwas langweilig? Sind nicht die unmoralische Wette Gottes mit Mephisto, die großen Versuchungen, denen sich Faust ausgesetzt sieht und letztlich die Konflikte, die sich aus Genuss, Habgier, Geltungssucht und Liebesdrang ergeben, die Stoffe, die Literatur lebendig, interessant, ja mitreißend machen?

So bleibt es nicht aus, dass sich die Literatur Freiheiten nimmt, die auch vor den Kopf stoßen können. Günter Grass (geb. 1927) gibt einem Kapitel seines Romans „Die  Blechtrommel“ den Titel „Glaube, Liebe, Hoffnung“ und bietet dem Leser eine sarkastische Persiflage auf einen der beliebtesten und bekanntesten Bibeltexte überhaupt, 1. Korinther 13: „Nun aber bleibt Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; die größte aber unter ihnen ist die Liebe.“

Der Jesus-Roman von Nikos Kazantzakis (1883-1957), „Die letzte Versuchung“, löste nicht nur im Erscheinungsjahr 1951 heftige Reaktionen aus, sondern auch dessen Verfilmung durch Martin Scorsese im Jahr 1988 provozierte viele Menschen.

Piere Paolo Pasolini (1922-1975) hat ein Drehbuch für einen nie realisierten Film über den Apostel Paulus geschrieben. Er ist fasziniert von der biblischen Figur, aber er kann diese Faszination nur durch tiefgreifende Aktualisierungen ausdrücken. Er will von „Paulus hier, heute unter uns“ berichten. Der biblische Paulus zog von Jerusalem nach Rom, vom religiös-kulturellen Zentrum der Antike in das politische Machtzentrum. Der Paulus Pasolinis lebt in Paris unter deutscher Besatzung, wird von einem Lukas, dem Autor der Apostelgeschichte, bespitzelt, und gerät nach New York, dem Machtzentrum der modernen Welt, wo er wie Martin Luther King (1929-1968) Opfer eines Attentats wird. 

Sehr viel einfühlsamer bearbeitet hingegen Patrick Roth (geb. 1953) die Frage, welche Bedeutung Christus für Menschen heute haben kann.

Diese Literatur erzählt andere Geschichten, sie stellt Gefühle, Erlebnisse, dramatische Konflikte und inneres Erleben der Menschen in einer Weise in den Mittelpunkt, wie es nur wenige biblische Passagen selbst tun. Sie ersetzt aber gerade deswegen die Bibel und ihre Erzählungen nicht. Literatur, die sich biblischen Stoffen zuwendet, kann und darf nicht in einem einfachen Sinne religiöse Literatur sein. Allzu schnell stände sie in Gefahr, die Handlung und die Figuren ihrer Erzählung auf ein bereits durch die religiöse Überzeugung festgelegtes Ende hin auszurichten und zu manipulieren. Derartige literarische Werke bezeichnet man als religiöse Erbauungsliteratur. Sie gibt es in allen Religionen, sie wird aber nur selten den Erwartungen, die große Literatur weckt, gerecht.

Ich konnte hier nur auf einige wenige Aspekte aufmerksam machen. Wer Interesse daran hat, sich biblische Stoffe über Literatur zu erschließen, mag die folgende Liste, geordnet nach der Abfolge der biblischen Bücher, durchschauen, ob er etwas findet, das ihn anspricht. Die Literaturliste mit Sekundärliteratur eröffnet den Zugang zu vielen weiteren literarischen Bearbeitungen biblischer Stoffe, für die oft auch kleinere literarische Gattungen wie Gedichte, Kurzgeschichten und Novellen gewählt wurden.

Am Anfang

John Milton (1608-1674), Paradise lost (Das verlorene Paradies)

Erzeltern, Joseph

Thomas Mann (1875-1955), Joseph und seine Brüder

Samuel- und Königsbücher

Stefan Heym (1913-2001), Der König-David-Bericht

Hiob

Joseph Roth (1894-1939), Hiob. [Fernsehfilm von M. Kehlmann, Ö/BRD 1978]

Psalmen

Arnold Stadler (geb. 1954), „Die Menschen lügen. Alle“ und andere Psalmen.

Evangelien

Nikos Kazantzakis (1883-1957), Die letzte Versuchung. [Film: M. Scorsese, The Last Temptation of Christ, USA 1988]

Patrick Roth (geb. 1953), Riverside: Christusnovelle

Paulus

Pier Paolo Pasolini (1922-1975), Der heilige Paulus

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