Der jüdische Kanon und die Bibel

Keine der Schriften des Alten oder des Neuen Testaments ist für die Schriftensammlung, die wir Bibel nennen, verfasst worden. Die Schriften des Alten und des Neuen Testaments sind über einen langen Zeitraum je für sich überliefert worden, ehe sie Teil der Bibel wurden. Den Prozess der Auswahl der Schriften, die zu den heiligen Schriften gezählt werden, nennt man Kanonisierung, das Ergebnis dieses Prozesses: den Kanon. Die Erforschung dieser Vorgänge, die Kanongeschichte, ist ein wichtiges Gebiet der Spezialforschung, auf die im Rahmen einer Bibelkunde nicht näher eingegangen werden kann.

In der letzten Phase der Kanongeschichte hat vermutlich die Sammlung der neutestamentlichen Schriften und ihre Zusammenstellung mit den Schriften des  griechischen Alten Testaments (so genannte Septuaginta) dazu geführt, dass auch im Judentum genauer über die Festlegung bestimmter Schriften als heilige Schriften nachgedacht wurde. Die Rabbinen des ersten Jahrhunderts entschieden sich dafür, nur die Schriften als heilige Schriften zu betrachten, die in Hebräisch abgefasst waren. Im rabbinischen Kontext bedeutet „heilig“, dass eine besondere rituelle Behandlung des Schreibmaterials für nötig gehalten wurde. Die Berührung der Schriftrollen, auf denen die heiligen Texte geschrieben sind, verunreinige die Hände und erfordere deswegen besondere Umgangsweisen, die für die übrigen Schriften nicht gelten (Mischna, Jadajim 3,5). Der so genannte rabbinische Kanon ist etwa um 100 n.Chr. festgelegt worden. Er unterscheidet sich in Inhalt und Aufbau erheblich von der griechischen Übersetzung des Alten Testaments, der Septuaginta.

Tora-Rolle der ehemaligen Synagoge in der Glockenstraße Köln

Die Alte Kirche hat hingegen weiterhin das griechische Alte Testament als heilige Schrift verstanden. Da die Rabbinen die Schriften, die nur auf Griechisch zugänglich waren, ausgeschlossen hatten, entstand ein Überhang er biblischen Bücher im christlichen alttestamentlichen Kanon gegenüber den Büchern, die im rabbinischen Kanon aufgenommen worden waren. Diesen Überhang nennt man deuterokanonische Schriften (kath.) oder Apokryphen des Alten Testaments (Luther).

Erst die Reformation bringt hier wieder Bewegung. Luther greift wieder auf die hebräischen Schriften zurück. Er akzeptiert als Altes Testament die Schriften, die in Hebräisch zugänglich waren, und d.h. die Schriften des rabbinischen Kanons. Die Reihenfolge der Schriften im rabbinischen Kanon übernimmt er hingegen nicht. Er folgt weiterhin der Reihung der Septuaginta. So finden sich heute im Wesentlichen drei Varianten des alttestamentlichen Kanons:

  • Der Kanon der Lutherbibel (AT: Umfang des rabbinischen Kanons, Reihenfolge der Septuaginta)
  • Der Kanon der jüdischen Bibel (rabbinischer Kanon)
  • Der Kanon der katholischen Kirche (AT: Umfang und Reihenfolge der Septuaginta)

Die katholische und die lutherische Bibel unterscheiden sich im neutestamentlichen Kanon nicht. Nur die Reihenfolge der Schriften stimmt nicht völlig überein. In der Lutherbibel steht der Hebräerbrief nach den drei Johannesbriefen, während viele andere Übersetzungen (Einheitsübersetzung, Zürcher), den Hebräerbrief bereits auf den Philemonbrief folgen lassen, um damit seine Nähe zu den Paulusbriefen auszudrücken.

Der Rabbinische Kanon (Tenach)
Der rabbinische Kanon definiert etwa um 100 n.Chr. die Schriften, die im Judentum als „heilig“ gelten. Die Rabbinen beschränken sich dabei auf die religiösen Schriften des Judentums, die zu dieser Zeit bereits allgemein anerkannt und in hebräischer Sprache erhalten sind. Auch der rabbinische Kanon hat eine Dreigliederung:

  • Tora (Weisung)
  • Nebiim (Propheten)
  • Ketubim (Schriften)

Die Dreigliederung stellt die Tora an den Anfang und die Propheten in die Mitte der biblischen Schrift. Darin drückt sich ein anderes Grundverständnis der Prophetie aus. Die Tora ist das zeitlos gültige Hauptstück. Die Prophetie blickt nicht in die Zukunft, sondern fordert nach diesem Verständnis immer wieder die Einhaltung der Tora. So können die geschichtlichen Bücher Jos – 2. Kön zu den „vorderen“ Propheten gezählt werden. Teilweise gibt es geläufige Begriffe für Untersammlungen, etwa Megiloth für die Bücher Hohelied, Prediger, Klagelieder, Rut und Ester.

Aus den Anfangsbuchstaben der drei Teile wird das Akrostichon TNK, gespr. Tenach oder Tanach, gebildet. Die Bücher der Tora werden nach ihren ersten Wörtern bezeichnet, die übrigen Schriften in der Regel nach Inhalt oder Verfasser.

Tora „Weisung“

Nebiim „Propheten“

Ketubim „Schriften“

Bereschit „Am Anfang“ (Genesis)
Schemot „Die Namen“ (Exodus)
Wajikra „Da rief“ oder Torat kohanim
„Gesetz der Priester“ (Levitikus)
Bemidbar „In der Wüste“ oder
Chomäsch hafekudim
„Buch der Zählungen“ (Numeri)
Debarim „Die Worte“ oder
Mischnä tora
„Wiederholung des Gesetzes“
(Deuteronomium)

a) Die vorderen Propheten
Jehoschua
Schofetim (Richter)
Schmuel
Melachim (Könige)
b) Die hinteren Propheten
Jeschajah
Jiremijah
Jechäzkel

c) Das Zwölfprophetenbuch,
„Dodekapropheton“
Hoschea
Joel
Amos
Obadja
Jonah
Michah
Nachum
Habakuk
Zefanjah
Chaggaj
Zicharjah
Maleachi

Tehillim (Psalmen)
Mischlej Schelomo (Sprüche Salomos)
Ijob
Chamasch megiloth „die fünf Rollen“:
Sir Hasirim „das Lied der Lieder“
Kohelet „Prediger“
Ejchah „Ach!“ (Klagelieder)
Rut
Ester
Daniel
Ezra
Nehämijah
Divrej Hajamim
„Begebenheiten der Tage“
(Chronikbücher)

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